Axt
         
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Rekonstruktion einer wikingerzeitlichen Axt nach Vorlage eines Fundes aus Haithabu, gefertigt von Jürgen Graßler (Schorsch der Schmied).
       
In erster Linie vielseitiges Werkzeug und doch auch als Waffe genutzt: Äxte! Also das männlichste Werkzeug überhaupt!  - Weil konstruktiv und destruktiv zugleich. Das schöne dabei: Wenn das gerade damit bearbeitete Werkstück nicht so will, wie es soll, hat man auch das richtige Gerät zur Hand, das Mißgeschick und mögliche Zeugen für das eigene Unvermögen sofort verschwinden zu lassen...

Vor allem war die Axt während der Wikingerzeit aber eines der wichtigsten Werkzeuge zur Holzbearbeitung überhaupt. Da Eisen und Stahl in großen Mengen offenbar noch während der Wikingerzeit ein teures Material war, wurden Sägen offenbar nur für feinere Handwerke in kleinen Größen hergestellt. Materialsparend sind dagegen Äxte. Auffällig ist zudem, dass die Äxte der Wikingerzeit zumeist verhältnismäßig klein sind. Die Schneidenhöhen übersteigen selten zwölf bis dreizehn Zentimeter, während die Länge (je nach Typ) zumeist um die fünzehn Zentimeter liegen. Häufig werden diese Maße sogar noch unterschritten.

Eine Ausnahme von dieser Kleinteiligkeit bilden die so genannten Dan- oder Dänenäxte mit weit ausschwingenden Schneiden und etwa schulterhohen Holzschäften (Petersen Typ M). Sie bilden zugleich den einzigen Axttyp der Wikingerzeit, der ausschließlich als Waffe gedient hat. - Die langen Schäfte und übermäßig ausgezogenen Schneiden machen eine sinnvolle Handhabung als Werkzeug komplett unmöglich. Der Teppich von Bayeux macht dies mehr als deutlich, denn die dort als Waffen geführten Äxte sind (mit einer möglichen Ausnahme) alle langstielig und weisen die typische, weit ausschwingende Schneide auf.
Dänenäxte kommen offenbar erst während des 11. Jahrhunderts auf und sind zumeist deutlich größer als ihre handwerklichen Verwandten. In Norwegen scheint es dagegen Sonderformen von ihnen gegeben zu haben. Denn treten häufig Vertreter dieses Typs auf, die in der Form mit den großen Exemplaren identisch sind, jedoch teilweise nur etwa handgroß sind. (Im Nationalmuseum Oslo sind mehrere dieser "Kleinformen" ausgestellt.)

Bei den übrigen Axttypen der Wikingerzeit handelt es sich dagegen in erster Linie um Werkzeuge, die allerdings auch als Waffe nutzbar sind. Viele Axttypen wurden sowohl in Handwerkergräbern, wie auch zusammen mit anderen Waffen, in Bestattungen von Kriegern oder Angehörigen der Oberschicht gefunden (s. das Hügelgrab von Bjerringhøj/Mammen, DK).
Diese Multifunktionalität liegt nicht zuletzt in den wikingerzeitlichen Gesellschaftstrukturen Skandinaviens begründet. Es handelte sich trotz aller Handels-, Handwerks- und kriegerischen Tendenzen um eine vor allem agrarisch dominierte Gesellschaft, die ihren Niederschlag auch in der Wahl der Bewaffnung widerspiegelt. Äxte bieten sich als Waffe eines Bauern ohne "professionelles" Equipment an, weil sie auf jedem halbwegs vernünftigen Hof als Werkzeug zur Holzbearbeitung bereits vorhanden gewesen sein dürften.
In dieser Richtung sind wohl auch die besonders aus England stammenden historischen Überlieferungen zu interpretieren, welche behaupten, die Axt sei eine der bevorzugten Waffen der Wikinger. - Die Quellen des 9. und 10. Jahrhunderts können dabei unmöglich die großen Danäxte gemeint haben, weil es diese zu jener Zeit noch nicht gab. - Äxte waren folglich wohl eher die Jedermannswaffe, ähnlich dem Dreschflegel und der Sense der abhängigen Bauern und Leibeigenen während der Bauernkriege des 16. Jahrhunderts.
   
           

Deformierte und stellenweise stark beschädigte Axt aus Haithabu
(Westphalen 2002, Tafel 13.2; mit freundlicher Genehmigung des Archäologischen Landesmuseums Schleswig-Holstein)
   
    Die hier gezeigte Axt entspricht dem von Petra Westphalen für Haithabu definierten Typ 10, der Jan Petersens Typ K entspricht. Zeitlich ist er in die zweite Hälfte des 10. bis ins 11. Jahrhundert anzusiedeln. Die Merkmale sind wie folgt definiert: Ein Haupt mit bahnartigem Nacken, ein ovales bis dreieckig kantengerundetes Schaftloch und der spitzzipflige, im rückwärtigen Bereich weiter ausziehende Schaftlochlappen. Das breit ausschwingende Blatt zieht zur Zehe hin stärker aus. Die Länge reicht von 150 - 172 mm, bei einer Schneidenbreite von 95 - 115 mm (Im Fundzustand, Anm. d. Verf.). [...} Die Äxte werden als große Breitäxte bezeichnet. (Westphalen 2002, S. 57).

Aufgrund der breiten Schneide und der flachen Nackenbahn werden die Äxte des Typs 10 als Holzbearbeitungsäxte angesprochen. Da es auch in Haithabu mehrere Äxte mit seitlich versetzter Schneide, ähnlich heutigen Zimmermannsäxten, gibt, die zum schlichten von Oberflächen geeignet sind, ist davon auszugehen, dass es sich bei Äxten des Typs 10 um Grobwerkzeuge handelt. Vorstellbar sind Fäll- und grobe Zurichtarbeiten.
Eine derartige Nutzung legt auch der Teppich von Bayeux nahe. Dort tauchen halblang geschäftete Axt ähnlicher Form nur in einer Szene auf: Beim Holzfällen und Schiffbau. Auch in der Bootswerft des Wikingerschiffsmuseums in Roskilde werden Axtnachbauten selber Art für grobe Vorarbeiten genutzt.

Vertreter dieses Typs finden sich verhältnismäßig häufig in Gräbern. So beispielsweise auf den Gräberfeldern von Birka und Vendel. Aber auch in dänischen und finnischen Gräbern finden sich diese Äxte, ebenso wie in der slawischen Siedlung von Behren-Lübchin. Dass diese Äxte nicht nur als Werkzeug genutzt wurden, sondern durchaus auch als Waffen, beweist die mit Silber und Kupfereinlagen versehene Prunkaxt desselben Typs aus dem Grab von Over Hornbæk, Randers amt, in Dänemark.

Die größte Besonderheit der Axt aus Haithabu besteht unter anderem in der für diesen Typ relativ ungewöhnlichen Form des Auges (Loch für den Holzschaft). Eigentlich ist das Öhr dieses Typs in Haithabu zumeist in gerundet dreieckiger Form mit der Basis nach hinten. Die Originalzeichnung des Fundes weist aber eine abgerundet rechteckige Form auf. Zudem ist das eigentliche Blatt der vorliegenden Axt zu einer Seite hin verzogen, ähnlich einem Zimmermannsbeil. Dies ist für diesen Axtyp ebenfalls ungewöhnlich.
Die punktuell schlechte Erhaltung der Axt (stellenweise Verrundungen von ursprünglich geraden Kanten und regional begrenzte Ausbrüche) deuten möglicherweise auf eine schlechte Qualität des Gundmaterials der Axt, das bei unachtsamen Gebrauch eventuell zu der seitlichen Deformierung des Originals geführt haben könnte. - Metallanalysen anderer Werkzeuge aus Haithabu lassen dies zumindest möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich erscheinen. - Aber auch der Versuch eines Umschmiedens oder ein Halbfabrikat wären denkbare Erklärungen für die merkwürdige Form.
   
        
Stephans Rekonstruktionszeichnung der Axt aus Haithabu. Entstanden nach Untersuchung des Originals und durch Vergleiche mit besser erhaltenen Exemplaren desselben Typs. Die Masse basieren auf dem Originalfund.
     
Indem man die Breitenmaße der Axt in regelmäßigen, kleinen Abständen ausmisst und an eine gerade Mittelachse anzeichnet, kann man die seitliche Verschiebung entzerren. (So von Stephan gemacht.) Sofort fällt dann die elegant geschwungene Form der Axt in der Draufsicht auf. Sie war auch der Grund weshalb diese Axt als Vorlage ausgewählt wurde.
Diese geschwungenen Formen kommen in Skandinavien während der Wikingerzeit zwar vor, sind aber eher selten. Die Mehrzahl der wikingerzeitlichen Äxte hat einen einfachen keilförmigen Längsschnitt. Weil die geschwungene Form aber besser aussieht, fiel die Wahl auf eben diese Axt. (Man ist schließlich auch als Mann manchmal ästhetisch veranlagt!)
In einem weiteren Schritt wurden die abgebrochenen Flächen und Ecken nach Vergleichen mit anderen Äxten desselben Typs ergänzt. Die Form der Schneide und der Schaftlochlappen ließ sich relativ einfach durch Verlängerung der erhaltenen Formen rekonstruieren und wurde entsprechend mit Vergleichsstücken abgeglichen, sofern ein gewisser Spielraum innerhalb der Originalvorlage blieb. So zum Beispiel bei der Ausgestaltung der Nackenbahn, die bei der Vorlage stark gestört ist.

Problematisch war die Rekonstruktion des Auges. Hier war der Austausch mit Schorsch dem Schmied sehr hilfreich, der schließlich auch die Herstellung der Rekonstruktion übernahm. (Vielen Dank an dieser Stelle nochmal!) Trotzdem war ein kurzer Besuch im Magazin auf Schloss Gottorf unumgänglich. Da zunehmende Zweifel an der publizierten Zeichnung aufkamen. Denn eine Breite des Schafts von 1,5 bis maximal 2,0 cm erschien einfach unglaubwürdig. Die Betrachtung des Originals ließ keine eindeutige Antwort zu. Eine Verkleinerung des Auges durch Korrosion erscheint aber wahrscheinlich. Deshalb wurde die Größe der Öffnung von ähnlichen Äxten übernommen und die Form der Vorlage angenähert.

Da keine Metallanalysen des Originalfundes vorlagen, wurden die technischen Eigenschaften von anderen Funden desselben Typs übernommen. Entsprechend wurde die Schneide in das Blatt eingekeilt und mit diesem feuerverschweißt. Der Schaft wurde sowohl in der Form, wie auch der Länge im Verhältnis zum Axtblatt, an einen bronzenen Anhänger aus Haithabu angelehnt.

Fazit: Die Rekonstruktion der Axt hat viel Arbeit gekostet. Um diese allen anderen zu ersparen, zeigen wir hier auch unseren Entwurf, den wir auf Anfrage auch zumailen. Immerhin gab es fünf verschiedene Entwürfe, die durch Vergleiche mit der Originalaxt und anderen wikingerzeitlichen Exemplaren - sowohl im Original, wie auch in Publikationen - immer wieder im Detail verändert wurden. Die größte Hilfe waren bei den letzten Versionen die praktischen Anmerkungen von Jürgen Graßler, der als Schmied nicht zuletzt den Hauptverdienst daran trägt, dass diese Axt so geworden ist, wie sie hier gezeigt wird.
   
   
Stark korrodiertes Axtamulett (Kupferlegierung) aus Haithabu, an das der Schaft der gezeigten Axt angelehnt ist.
(Elsner 2002, 79 Abb. 6; mit freundlicher Genehmigung des Archäologischen Landesmuseums Schleswig-Holstein)
         
   
Literaturnachweis:
H. Arbman, Birka. Die Gräber I. Tafeln (Stockholm 1940).
G. Arwidsson u. G. Berg, The Mästermyr find: A Viking age tool chest from Gotland (Stockholm 1983).
Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Band 6. Untersuchungen zur Technologie des Eisens (Neumünster 1971).
J. Brøndsted, Danish Inhumations Graves of the Viking Age. A Survey. Acta Archaeologica 7, 1936, 81-228.
H. Elsner, Wikinger Museum Haithabu: Schaufenster einer frühen Stadt (2. Auflage, Neumünster 1994).
E. Kivikovski, Die Eisenzeit Finnlands II. Bilderatlas und Text (Helsinki 1951).
B.J. Nielsen, Langbladsøksen. Skalk 1991, Heft 2, 9-13.
P. Ottaway, Anglo-Scandinavian Ironwork from 16-22 Coppergate. The Archaeology of York. The Small Finds 17/6 (York 1992).
J. Petersen, De Norske Vikingesverd. En typologisk-kronologisk Studie over Vikingetidens Vaaben. Videnskapsselskapets Skrifter, Historisk-filosofisk Klasse 1919, No. 1 (Kristiania 1919).
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H. Stolpe und T.J. Arne, Graffältet vid Vendel (Stockholm 1912).
P. Westphalen, Die Eisenfunde von Haithabu. Die Ausgrabungen in Haithabu, Band 10 (Neumünster 2002).