Glättstein
         
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Replik eines wikingerzeitlichen Glättsteins aus Glas nach Vorbildern aus skandinavischen Siedlungen.
       
Dieses Objekt in Form einer Brötchenoberhälfte ist ein so genannter Glätt- oder Gniedelstein. Trotzdem täuscht der Name, denn alle dieser Objekte sind aus Glas. Zugegeben, nicht ganz alle Objekte. Es gibt einen einzigen Streufund aus Felsgestein, der bei den Altstadtgrabungen in Köln gefunden wurde und nicht weiter datiert ist.
Bis auf diesen einen bestehen die Glättgläser jedoch auch grünem oder bräunlichem Glas, zumeist minderer Qualität, da sich häufig feine Blasen und mineralische Einschlüsse in ihnen finden. So lange man sie nicht ins Licht hält, erscheinen sie deshalb schwarz.

Der älteste Fund dieser Art stammt aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert. Ihren deutlichen Höhepunkt haben diese Objekte allerdings erst ab der ausgehenden Wikingerzeit. Glättsteine wurden allerdings bis in das 19./frühe 20. Jahrhundert hinein verwendet. Es gibt dabei sowohl massive, wie auch hohle Formen. Wobei die Hohlformen allerdings leicht andere Formen haben. Außerdem gibt es spätmittelalterliche und neuzeitliche Formen, die in der Mitte einen stabartigen Griff aus Glas haben. Räumlich konzentrieren sich Glättgläser ab dem 7. Jahrhundert vor allem auf Nordwesteuropa und das westliche Skandinavien. In Mitteleuropa und Ostskandinavien kommen sie dagegen nur vereinzelt vor.

Historische Quellen berichten über die verschiedenen Anwendungsbereiche der Gniedelsteine. Zumeist werden sie zur Glättung von Textilien genannt, aber auch von Leder und Papier. Außerdem fanden sie zur Imprägnierung von Tuchen mit Wachs oder gummi arabicum Verwendung. Sie konnten dabei sowohl kalt als auch erwärmt verwendet werden.

Vor allem Michael Schmaedecke hat angezweifelt, dass die Glättgläser während der Wikingerzeit bereits in der Textilverarbeitung und - pflege genutzt wurden. Er ging vielmehr davon aus, dass es sich zunächst um Glasbarren gehandelt habe, die erst im Hochmittelalter die Funktion eines Bügeleisens übernommen hätten. Peter Steppuhn gelang es jedoch, diese These eindrucksvoll zu widerlegen, weswegen seine Argumentation im Folgenden kurz zusammengefasst werden soll:
Zwar finden sich Glättsteine und deren Fragmente auch vereinzelt bei wikingerzeitlichen Glashandwerksstellen. Jedoch finden sie sich zumeist unabhängig von solchen Werkstätten in den Siedlungen verstreut. Dagegen treten sie in den Resten von Gebäuden auf, die durch Funde von Spinnwirteln und Webgewichten eindeutig mit dem Textilhandwerk in Verbindung standen.
Treten Gniedelsteine in Gräbern auf, finden sie sich vor allem in Bestattungen von Frauen. Eben jenem Geschlecht, das man beispielsweise durch Beigaben wie Webschwertern oder Spinnwirteln ohnehin am ehesten mit dem Textilhandwerk in der Wikingerzeit in Verbindung bringt. Sehr auffschlussreich ist diesbezüglich das Grab 854 von Birka. In diesem fand man ein Glättbrett aus Walknochen und in einem kleinen Kästchen einen Glättstein, der zusammen mit einem Kamm aufbewahrt wurde.

Schmaedecke begründete seine Interpretation zum einen darauf, dass es ein zeitliche Lücke von Gniedelsteinfunden zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert zu geben schien, zum anderen weil die Stücke ziemlich normiert auftreten (zwischen 6 und 10 cm im Durchmesser und ca. 300 bis 330 Gramm schwer) und weil sie vereinzelt im Zusammenhang mit glasverarbeitendem Handwerk auftreten.
Es ist unbestrittten, dass Glättgläser vereinzelt aufgrund ihrer großen Glasmenge eingeschmolzen wurden, nachdem sie unbrauchbar geworden waren. Zudem ist das Herstellungsverfahren der Glätter für einfache Glasbarren relativ aufwendig. Die flüssige Glasmasse wurde an einen Stab aufgebracht und in einer halbkugeligen Form geschwenkt bis die Masse erstarrte. Anschließend wurde der Haltestab von dem Rohling abgeschlagen, bevor die dadurch entstandenen Grate im Zentrum im kalten Zustand geglättet wurden. Für einen Barren wäre die Beseitigung der scharfen Kanten dagegen überflüssig. Außerdem ist bei der immer noch beobachtbaren Varianz der Gewichte und Größen von einer strikten Normierung nicht wirklich zu reden.  Herstellung und Normierung wären durch einfaches Gießen der Glasmasse in eine einfache Form dagegen weitaus leichter zu erreichen.
Die Normierung erklärt sich jedoch bereits einfach durch ihre Funktion. Es ist nahliegend, dass Glättgläser für eine gute Lage in der Hand eine gewisse Mindestgröße haben müssen. Da Glas auf der anderen Seite trotzdem teuer war, ist die Maximalgröße nicht nur durch funktionale Gründe begrenzt gewesen. Durch das Sammeln von Funden in Publikationen und Museen gelang es Peter Steppuhn zudem, die zeitliche Fundlücke zu schliessen, so dass eine Kontinuität der Stücke über nahezu 1800 nachweisbar ist und ein Funktionswandel deshalb zunehmend unwahrscheinlicher wird.
Auf vielen der Stücke lassen sich charakteristische Kratzer auf der Oberfläche der gerundeten Seite beobachten. Diese rühren vermutlich von mineralischen Verunreinigungen (z.B. Sandkörner) der bearbeiteten Materialien her, die die Gläser beschädigten.  Diese Gebrauchsspuren lassen sich bei Gniedelsteinen aller Zeitstellungen beobachten und beweisen somit, dass sich ihre Funktion über die Zeit nicht geändert hat.

Chemische Analysen des Glasmaterials von Haithabu weisen darauf hin, dass das Glas von Glättgläsern in Haithabu verarbeitet wurde. Da Gniedelsteine offenbar nicht als Ausgangsmaterial, sondern als Endprodukt der Glasproduktion anzusehen sind, kommt Steppuhn zu dem Schluss, dassGlättgläser offenbar unter anderem auch in Haithabu hergestellt wurden.

Das Fazit von Peter Steppuhns Ausführungen kann deshalb nur sein, dass es sich bei diesen Objekten schon von Anfang an als Glättgläser für Textilien, Leder oder ähnliche Dinge gehandelt hat. Ganz so wie es für die Neuzeit belegt ist.  Aus diesem Grund haben wir auch keinerlei Gewissensbisse unseren Gniedelstein als Glättglas hier zu präsentieren. 
     
   
Glättsteine und Glättsteinfragmente aus Haithabu
(Steppuhn 1998, Tafel 17; mit freundlicher Genehmigung des Archäologischen Landesmuseums Schleswig-Holstein)
     
Bilden http://www.historiska.se/data/?bild=28627 som visar objektet http://www.historiska.se/data/?foremal=107571
Yliali Asp SHM
Glättstein aus Grab 513, Birka.
(Gleichzeitig Link zum Datenblatt) © Statens Historiska Museum, Stockholm
   
Bilden http://www.historiska.se/data/?bild=240415 som visar objektet http://www.historiska.se/data/?foremal=181491
Ny Björn Gustafsson SHMM
Glättstein aus der Schwarzen Erde von Birka.
(Gleichzeitig Link zum Datenblatt) © Statens Historiska Museum, Stockholm
   
Bilden http://www.historiska.se/data/?bild=240416 som visar objektet http://www.historiska.se/data/?foremal=270534
Ny Björn Gustafsson SHMM
Halber Glättstein aus der Schwarzen Erde von Birka.
(Gleichzeitig Link zum Datenblatt) © Statens Historiska Museum, Stockholm
   
     
Literaturnachweis:
E. Andersson, Tools for Textile Production from Birka and Hedeby. Birka Studies 8. Excavations in the Black Earth 1990-1995 (Stockholm 2003).
R.J. Charleston, Slick-stones ('linen smoothers'). In: Biddle, Martin. Object and Economy in Medieval Winchester. (Oxford 1990), 240-242.
A. MacGregor, Anglo-Scandinavian Finds from Lloyds Bank, Pavement, and Other Sites. The Archaeology of York: The Small Finds 17/3 (York 1976).
A.J. Mainman u. N.S.H. Rogers, Craft Industry and Everyday Life: Finds from Anglo-Scandinavian York. The Small Finds 17/14 (York 2000).
A. Poche, Die Glasfunde des frühmittelalterlichen Handelsplatzes von Groß Strömkendorf bei Wismar. Dissertation zur Erlangung des Dotoktorgrades der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Kiel 2001).
M. Schmaedecke, Glasbarren oder Glättsteine? Beobachtungen zur mittelalterlichen Glasverarbeitung. Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 6, 1995, 28-29.
M. Schmaedecke, Glasbarren oder Glättsteine? Beobachtungen zur mittelalterlichen Glasherstellung und Glasverarbeitung.Beiträge zur Archäologie des Mittelalters 1998, 93-120.
P. Steppuhn, Die Glasfunde von Haithabu. Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu 32 (Neumünster 1998).
P. Steppuhn, der mittelalterliche Gniedelstein: Glättglas oder Glasbarren? Zu Primärfunktion und Kontinuität eines Glasobjektes vom Frühmittelalter bis zur Neuzeit. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 68, 1999, 113-139.