Alles im Sack!

Bereits seit Längerem verwahre ich meine Gewichte zu der Klappwaage in einem einfachen Lederbeutel, wie sie u.a. auch für Haithabu belegt sind. Zum einen gefiel mir das schon geraume Zeit nicht mehr, zum anderen habe ich eine gefühlte Ewigkeit nichts mehr für das Hobby gebastelt. Dafür bleibt wie so oft nur der Feierabend übrig. – Aufgrund der jahreszeitlich bedingten Tageslichtbegrenzung, mit der man zur Zeit zu kämpfen hat, bot sich das Lederbeutelproblem als perfekte Sofa-Arbeit an.

Unter anderem gefiel mir schon länger das Konzept der „brieftaschenförmigen“ Taschen aus Haithabu. – Aber eben nur das Konzept. Die Ausgestaltung mit den in Karomustern angelegten Lederstreifen ist aber ein bisschen zu viel. – Ganz besonders wenn man bedenkt, dass die durch Schlitze im Taschenkörper gezogenen Lederstreifen ursprünglich mit Blattgold belegt waren. Außerdem passt diese Form nicht so richtig nach Haithabu.

Eine schöne Rekonstruktion dieser Taschen (ohne Gold) findet man im Blog von Haandkraft:
http://haandkraft.blogspot.de/2008/09/birka-wallet.html

Umso erfreuter war ich, als ich auf die „Brieftasche“ aus Roswinkel in den Niederlanden stieß. Das gute Stück wurde bereit im 19. Jahrhundert gefunden. Es hat eine vergleichbare Grundform mit den Birkataschen, allerdings ohne die Lederstreifen und die Lederösen an den Außenkanten. Die Innenseite der Tasche ist in zwei Fächer untergliedert, in deren oberer zwei Münzen des 9. Jahrhunderts gefunden wurden.
Die Innenseite der Tasche ist aus drei Teilen zusammengesetzt, während die Außenseite aus einem einzigen Stück Leder besteht, auf die die inneren Teile aufgenäht wurden. Die beiden oberen Teile der Innenseite sind an den oberen Enden geöffnet und ergeben dadurch offene Fächer. Das untere Stück Leder ist – zumindest nach der mir bekannten Fundzeichnung – geschlossen vernäht. Über das untere Taschenfach und das darunter aufgesetzte Teilstück der Innenseite ist ein rautenförmiges Muster mit Kreuzspitze aufgenäht, das außerdem nahelegt, dass der untere Teil der Tasche kein weiteres Fach gehabt hat. Das aufgelegte Muster würde ansonsten komplett über die Fachöffnung laufen.

Bei meiner Taschenvariante wollte ich aber ein zusätzliches drittes Fach haben, ohne auf das ausgeschnittene Ziermuster des Originals zu verzichten. Entsprechend habe ich es zweiteilig mit einiger Überlappung gestaltet. Meine Rekonstruktion besteht aus sämisch gegerbtem Hirschleder für die Teile des Taschenkörpers und vegetabil gegerbtem Rindsleder für den Besatz.

Tasche nach Vorlage aus Roswinkel/Niederlande, zusammengelegt
Tasche nach Vorlage aus Roswinkel/Niederlande (zusammengelegt).

Tasche nach Vorlage aus Roswinkel/Niederlande, aufgeklappt
Tasche nach Vorlage aus Roswinkel/Niederlande (aufgeklappt).

6 Kommentare zu „Alles im Sack!“

  1. Kai-Erik sagt:

    Oh, wirklich eine sehr schøne Arbeit! 🙂

    Die Aufnahmen sehen ja fast så danach aus, als ob das gute Stück
    in eines der WMH-Vitrinen liegen würde. 😉

  2. Stephan sagt:

    Danke, Du Schmeichler! 🙂

  3. Johannes sagt:

    Sehr schöne Arbeit, Respekt! 🙂
    Aus welcher Literatur hast du denn die Roswinkel-Fundzeichnung, wenn man fragen darf?

  4. Stephan sagt:

    Vielen Dank.
    Die Zeichnung findet sich als Vergleichsfund in:
    A.-S. Gräslund, Beutel und Taschen. In: G. Arwidson (Hrg.), Birka II:1. Systematische Analysen der Gräberfunde (Motala 1984), S.141-154.

  5. Nemi Norison sagt:

    Die Tasche ist echt schick geworden, auch die zusatzfachumsetzung hat gut geklappt finde ich. Bei der Tasche bin ich auch immer noch am überlegen ob ich sie mal ausprobiere.

  6. Stephan sagt:

    Vielen Dank, Nemi. Bin am überlegen, sie nochmal wendegenäht zu rekonstruieren. Der ursprüngliche Aufbau ist aus der Umzeichnung nicht eindeutig zu erschließen.

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